Predigt über 2 Korinther 1, 3-7 zum Rundfunkgottesdienst am Sonntag Laetare von Pastor Jörg Herrmann (Crottendorf)


Gelobt sei der Gott allen Trostes - damit auch wir trösten können

Für die Predigt hören wir Verse aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth – 2. Korinther 1, die Verse 3 bis 7:
3Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.
Amen

Ein Kind weint bitterlich. Es ist hingefallen. Plötzlich war kein Halt mehr in den Beinen, und sie trugen nicht mehr. Plötzlich kam der schwarze, harte Straßenbelag auf das weiche Gesichtchen zu, schlagartig, und tat weh, brennend weh. Wie kann das sein? Dazu ist doch eine Straße nicht da, einem ins Gesicht zu schlagen? Aber die Straße hat es doch getan. Hart und herzlos.

Eine fremde Frau kommt herzu gerannt. „Hast du dir wehgetan?“, fragt sie teilnahmsvoll. Das Kind bekommt noch kein Wort heraus. Es sieht auch kaum etwas durch seine Tränen hindurch, aber es nickt. Und als die fremde Frau das Kind tröstend an sich zieht, lässt es sich trösten. Die Tränen sind schon fast trocken und der Schmerz schon fast verwunden, als die Mutter dazukommt und aufgeregt fragt: „Was ist denn passiert?“ „Ach, nichts Schlimmes!“, sagt die fremde Frau. „Es ist schon fast wieder gut!“ Und tatsächlich: In die nach unten gezogenen Mundwinkel des Kindes mischt sich ein kleines Lächeln.

Liebe Gemeinde, dass wir Menschen uns gegenseitig trösten können, ist etwas sehr Kostbares. Gelobt sei Gott! Er tröstet uns, damit wir die trösten können, die in Trübsal sind.

Warum rührt es mich so an, wenn ich von einem Kind höre, das getröstet wird? Weil ich selbst von Zeit zu Zeit Trost brauche. Wenn mein Vertrauen kaputt ist, brauche ich Trost. Wenn ich mich nichts mehr traue, mir nichts mehr zutraue, brauche ich Trost. „Trost“ kommt von „trauen“. Und beides hat zu tun mit: Festwerden, wieder stabil werden, Beistand bekommen. Wir Menschen können einander beistehen, wenn etwas in uns kaputt gegangen und unsere Stabilität gefährdet ist.

Es gehört sich einfach nicht für eine Straße, einem Kind ins Gesicht zu schlagen, das die Welt erkunden lernt. Es gehört sich nicht für einen kräftigen Körper, mitten im Leben so krank zu werden, dass er dahinsiecht. Es gehört sich nicht für eine öffentliche Behörde, Hilfeleistung absichtlich vorzuenthalten und darauf zu spekulieren, dass nur ein Teil der Betroffenen dagegen klagt, um auf diese Weise Gelder zu sparen. Es gehört sich nicht für Vorgesetzte, Lohnabhängige in ihrem Selbstbewusstsein so zu erschüttern, dass sie entnervt kündigen, um auf diese Weise Personal zu reduzieren. Und doch geschieht all das. Und dann geht etwas in uns kaputt. Vertrauen. Zutrauen. Lebenszusammenhang. Wie kann das wieder wachsen? Das selbstverständliche Vertrauen dazu, dass eine Straße trägt und nicht schlägt. Das Zutrauen zum eigenen Körper, dass er lebt und leben will, statt sich selbst zu zerstören. Der Lebenszusammenhang von Hilfsbedürftigkeit und Hilfeleistung, das ganz normale Miteinander von Menschen, die Hand in Hand und nicht gegeneinander arbeiten. Wie kann es neu entstehen?

Indem wir an einem kleinen Ausschnitt der Welt erfahren, dass sich Vertrauen doch lohnt.

Wenn ich Trost brauche, tut es mir gut, wenn mir jemand zuhört. Meine Klage aushält. Nachfragt und versteht. Ich erwarte gar nicht, dass auf einen Schlag alles gut wird. Ich wünsche mir ein kleines Stück heile Welt, an dem ich meine Hoffnung auf Heilung neu wachsen lassen kann.

Gelobt sei Gott, der Gott allen Trostes, der uns tröstet in Trübsal, damit wir die trösten können, die in Trübsal sind! Wie macht Gott das: trösten? Können wir das von ihm lernen?

Gott tröstet uns nicht so, dass er alles von uns fernhält, was unser Vertrauen erschüttern könnte. Nein, so ist es nicht. Auch wenn das unser Wunsch sein mag, unsere Erwartung an Gott. „Er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest.“ Ist das schon der Trost, den Gott uns geben kann und geben will: alle Unannehmlichkeiten von uns fernhalten?

Gelobt sei Gott, der Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind! Der das formuliert hat, Paulus, ein Gründer frühchristlicher Gemeinden, ist nicht bewahrt worden vor Trübsal, Anfechtung, körperlichen und seelischen Leiden. Aber gerade darin fühlt er sich mit Gott verbunden. Er nennt Gott „den Vater unseres Herrn Jesus Christus“ und den „Vater der Barmherzigkeit“. Christus musste leiden, musste sterben. Und wenn Paulus selbst Trübsal erlebt, so nennt er das: „Die Leiden Christi kommen über mich.“ Gerade dadurch fühlt er sich mit Christus verbunden. Ist Paulus ins Leiden verliebt? So etwas soll es ja geben. Sind Christen Leute, die das Leid als einen Wert an sich hinstellen? Manchmal war das so in ihrer Geschichte. Zumindest dem Paulus aber geht es um Trost, um Beistand und Beständigkeit. Nicht darum, dass etwas kaputtgehen muss, zerbrechen soll. Sondern darum, dass etwas heil wird: „Unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“ Gott tröstet, „damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“

Jesus selbst hat sein Leiden verglichen mit einem Getreidekorn, das in die Erde gelegt wird und verdirbt, erstirbt. Damit ein Halm wachsen kann. Damit neue Getreidekörner sich bilden in der Sonne. Es gibt Zerbruch. Es gibt Zerstörung. Aber das ist nicht Gottes Ziel. Die Passionszeit, die Zeit zwischen Aschermittwoch und Karfreitag, wäre es nicht wert, begangen zu werden, wenn wir das Osterfest nicht hätten. Aber wir haben es. Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Wer Russisch in der Schule hatte, weiß es vielleicht: „Woskressenije“, also „Sonntag“, heißt „Auferstehung“.

Die fremde Frau, die das Kind trösten konnte, rannte zu dem Kind, das sich wehgetan hatte. Sie blieb nicht teilnahmslos und fern. Vermutlich bekam sie von Tränen nasse Hände, als sie das Gesicht des Kindes berührt hat. Aber das machte ihr nichts aus. Sie wollte ja helfen, wollte trösten.

Wenn ich Trost brauche, dann wünsche ich mir einen Menschen, der erspüren kann, was da in mir kaputtgegangen ist. Einen Menschen, der akzeptiert, dass da etwas zerstört worden ist. Jemanden, der mir nicht eine heile Welt vorspiegelt. Ich wünsche mir dann jemanden, der bereit ist, ein Stück heile Welt neu wachsen zu lassen zwischen uns. Indem er meine Klage anhört. Nachfragt und versteht.

Ich erlebe Gemeinde so. Dass Menschen auf diese Weise füreinander da sind. Denn eins verbindet sie: Sie haben keine Scheu vor dem Leiden. Ins Leiden verliebt sind sie nicht. Sie vertrösten auch nicht auf irgendwann. Sondern sie wissen aus eigener Erfahrung, dass durch Leid etwas in uns zerbrechen kann. Und dass man sich gerade dann gegenseitig beistehen kann.

Ich erlebe auch das andere – innerhalb und außerhalb der Gemeinde: dass es Scheu davor gibt, dem Leiden zu begegnen. Vielleicht nicht gerade bei kleinen Kindern, die sich wehgetan haben. Wohl aber bei dahinsiechenden Körpern. Sehr wohl gegenüber Leuten, die auf Hilfeleistung einer öffentlichen Behörde angewiesen sind. Und viel zu oft im Abstand zu Leuten, auf welche der oder die Vorgesetzte es abgesehen hat. Eine verständliche Scheu. Eine schreckliche Scheu. Schrecklich für die, die dadurch allein gelassen werden, die aus der heilen Welt herausgestoßen worden sind und allein keine Chance haben, dass sich Vertrauen neu bildet, dass Stück für Stück eine wieder heilende Welt wachsen kann.

Wer in solcher Scheu verharrt, hat es offenbar noch nicht erlebt. Was Trost ist. Wie wertvoll. Wie unvergesslich das ist, im Leid einander beizustehen. Ja, dass es sogar leichter ist, im Leid einander näherzukommen, als im Wohlsein. Leid muss nicht etwas Fremdes bleiben, etwas Trennendes, etwas Verstörendes. „Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden“, schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Eine Gemeinde, bei der es nicht ausgemacht war, ob sie trösten kann, oder ob sie in der Leidensscheu verharrt. Eine Gemeinde, von der nicht sicher war, ob sie das Geheimnis Gottes schon erfasst hat, oder ob ihr Bemühen gerade daran vorbeiging, im Bestreben es sich gut gehen zu lassen. „Gelobt sei Gott, der uns tröstet, damit wir trösten können, mit dem Trost, mit dem wir getröstet werden ...“ Wir können einander trösten, wenn wir bei Trost sind. Wir können einander trösten, wenn wir wissen wie das ist: getröstet zu werden. Wir haben es erfahren – als kleine Kinder. Wir erfahren es – als die, die Gott als seine Kinder ansieht. Geschwister Jesu Christi, einsam im Leid, im Trost verbunden: Gott verbunden. Einander verbunden.

Amen