Verehrte Freunde, liebe Schwestern und Brüder!
Unser letzter Bericht über die Arbeit in Russland
erreicht Sie mit einiger Verspätung. Wir wollten dieses letzte „Dankeschön“
eigentlich zum Jahresende aussenden, das als Termin der Amtsübergabe für die
Euro-Asiatische Arbeit vorgesehen war. Nach der Geiselnahme in der Schule von
Beslan, die mit hunderten Toten endete - viele von ihnen Kinder, wie auch
Bombenattentaten in Moskau hatten jedoch einige unserer Nordischen Freunde
Sicherheitsbedenken. Deshalb wurde die für Oktober 2004 geplante
Zentralkonferenz auf Februar 2005 verschoben. Sie fand in der Nähe von Moskau
statt, und am 12. Februar 2005 wurde Pastor Hans Växby aus Finnland in einem
feierlichen Gottesdienst in der Kwan Lim Kirche in Moskau in sein Amt als neuer
Bischof des Euro-Asiatischen Sprengels eingeführt. Mit dem 15. Februar habe ich
alle Verantwortung für die Kirche an Bischof Växby übergeben. Gerlinde und ich
sind jetzt dabei, die Angelegenheiten unserer dreizehnjährigen Tätigkeit in
Moskau „abzuwickeln“.
2004 war ein ganz „normales“ Arbeitsjahr in den verschiedenen Zweigen unseres
Dienstes in den vier Jährlichen Konferenzen. Gemeindebesuche haben mich
buchstäblich bis in die fernsten Winkel unseres Sprengels geführt. Wie in
früheren Jahren habe ich die entspannte Atmosphäre der russischen Fernzüge, in
denen der „Samowar“ summt und zu einer Tasse Tee einlädt, genossen (und manchmal
auch ertragen) wie auch die verschiedensten Flugzeuge, von der lärmenden
„Annuschka“ Propellermaschine bis zu den modernsten Westimporten. Jeder Besuch
in den Gemeinden war lohnend, und meist habe ich mehr empfangen, als ich geben
konnte. Die Freude (auf beiden Seiten) war besonders groß, wenn „Matuschka“
(Mütterchen) Gerlinde mich begleitet hat. Wir sind gestärkt worden von der
Echtheit des Glaubens und Dienstes auch der kleinsten Gemeinde. Arbeit mit
Kindern und Studenten, Unterstützung für alte Menschen und Zuwendung zu Alkohol-
und Drogenkranken können ihren Einfluss nicht verfehlen. Einweihungen von
Gemeindehäusern und Kirchen waren besondere Höhepunkte. Die Kirche in Komsomolsk
am Amur, über 7500 Kilometer von Moskau entfernt, hat eins der typischen
russischen Holzhäuser gekauft und umgebaut. In Melnikowo, unweit vom früheren
Königsberg in Ostpreußen, haben wir vor einigen Jahren mit Gottesdiensten im
Dorfkulturhaus begonnen. Es war einmal die Kapelle der Evangelischen
Gemeinschaft in Rudau (so der frühere deutsche Name des Dorfes). Leider hat sich
unsere Hoffnung nicht erfüllt, das Gebäude für kirchliche Zwecke
zurückzuerhalten. Die Gemeinde konnte aber ein Bauernhaus kaufen, und nachdem
einige Wände abgerissen waren, ist ein schöner Gemeindesaal entstanden. Es gibt
sogar eine kleine Glocke, die zum Gottesdienst in der „Lukaskirche“ ruft. Auch
die Gemeinde „Neues Gebot“ in Woronesh hat die Rekonstruktion ihres Kirchsaals
abgeschlossen und einen der schönsten Gottesdiensträume in der russischen EMK
geschaffen. All das konnte nur geschehen mit der Hilfe und den Gaben unserer
Freunde und Partnergemeinden – wir danken Ihnen allen sehr herzlich, dass Sie
sich auf diese Weise an der methodistischen Mission im Sprengel beteiligt haben.
In den Jahren meines Dienstes hatte ich mir zum Ziel gesetzt, feste Bande
zwischen den Gemeinden zu schaffen, die sich in hohem Maß mit der
methodistischen Mission identifizieren. Dabei haben die Superintendenten
wesentliche Hilfe geleistet, die nicht nur ihren je eigenen Distrikt verwaltet
haben, sondern miteinander ein Team bilden, das auch den neuen Bischof
unterstützt. Zum „Sprengelkabinett“ (im Februar 2004), das die Superintendenten
aus allen Konferenzen vereinigt, war auch der Ständige Ausschuss für das
Predigtamt eingeladen. Unter Anleitung von Robert Kohler und Gwen Purushotham
von der Zentralbehörde für das Geistliche Amt beschäftigten sich beide Gruppen
mit der Verantwortung für die weitere Entwicklung des Predigtamts im Sprengel.
Pastoren sollen sich in der methodistischen Tradition und der russischen Kultur
heimisch wissen. Der Vortrag eines russisch-orthodoxen Priesters über das
Amtsverständnis der Orthodoxie gab hilfreiche Anregungen. Bei der Wiederaufnahme
methodistischer Tätigkeit in Russland vor 15 Jahren gab es keinen einzigen
ausgebildeten Pastor. Einige Enthusiasten haben sich der Mission gewidmet, ohne
eine formelle Ausbildung zu haben. Heute sind diese Leute gut ausgerüstet für
einen Dienst, der von ihren Mitmenschen verstanden wird, weil sie dieselbe
Kultur und Tradition teilen. Ich bin froh (und ein wenig stolz) auf dieses
Resultat.
Ergebnisse des gemeinsamen Weges und Perspektiven für die weitere Entwicklung
des Methodismus im Euro-Asiatischen Sprengel waren der Gegenstand meines
Bischofsberichts, den ich an den vier Jährlichen Konferenzen (von Mai bis Juli)
2004 gegeben habe: „Der russische Methodismus am Scheideweg“. Ich bin davon
überzeugt, dass der Methodismus wie keine andere evangelische Konfession
anziehend ist für Menschen, die in Kultur und Spiritualität der Ostländer
aufgewachsen sind. Die an den Konferenzen vorgestellte neue Agende mit den
Gottesdienstordnungen der russischen EMK legt ein gutes Zeugnis ab von dieser
kulturellen Sensibilität. Sie ist ein Versuch, „allen alles zu werden, um auf
diese Weise einige zu retten“ (1. Kor. 9, 22). Sie hilft den Gemeinden, die
Echtheit ihres Glaubens und Lebens zu bewähren.
Das letzte Jahr war nicht einfach. Wie haben von einer unserer treuesten
Mitarbeiterinnen Abschied genommen, als wir Elena Stscherbakowa auf ihrem
letzten irdischen Weg begleitet haben. Viele Jahre war sie Schatzmeisterin der
Konferenz. - Die wirtschaftliche Lage der Gemeinden ist schwierig angesichts
hoher Inflation und abnehmender Unterstützung von außerhalb. Die Herausforderung
heißt Eigenfinanzierung. - Eine Gemeinde hat die Kirche verlassen, nachdem ihr
Pastor von der Konferenz entlassen wurde. Ohne diese Probleme würde mir der
Weggang leichter fallen, aber ich bin überzeugt, dass ich gegeben habe, was in
meinen Möglichkeiten lag und was von einem Ausländer geleistet werden konnte.
Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Gerlinde und ich fühlen nach diesen 13
Jahren tiefe Dankbarkeit und reichen Segen. Wir danken besonders allen, mit
denen wir zusammenarbeiten durften: die Kabinette, das Moskauer Büro und alle
Pastoren und Gemeinden im Sprengel. Ohne Ihre treue Hilfe als Partner in diesem
Dienst wäre das Ergebnis der Arbeit nicht möglich gewesen. Die Jahre haben uns
verändert, dafür sind wir dankbar, auch für manche Narbe, die wir davongetragen
haben. Viele haben uns ihr Herz geöffnet, und wir nehmen diese Liebe in unserem
Herzen mit, wenn wir jetzt in unsere Heimat und zu unserer Familie zurückkehren.
Wir sind Gott dankbar, der unseren schwachen Dienst sogar zu Zeiten und an
Plätzen gebraucht hat, wo wir „über unsere eigenen Füße gestolpert sind“. Wir
vertrauen auf Gott für die Zukunft des Methodismus im Euro-Asiatischen Sprengel.
Mit unserem Dank verbinden wir die Bitte, dass Sie dieser Mission Ihre
Unterstützung auch weiterhin nicht versagen und durch ihre Gebete und das Teilen
der guten Gaben Gottes ihre Schwestern und Brüder in Russland und seinen
Nachbarländern unterstützen. Das Konto der „Mission GUS“ wird unter Aufsicht der
Ostdeutschen Konferenz weiter bestehen (Konto Nr. 102221028 bei Landeskirchliche
Kreditgenossenschaft Dresden, BLZ 850 951 64).
Gott segne Sie, wie Sie ein Segen für uns alle geworden sind – besonders für
Ihre Freunde und Mitarbeiter im Werk Christi,
Ihre Gerlinde und Rüdiger Minor